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Aufsatz in Historische Anthropologie 3/1999:

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Ingar Kaldal
Kulturelle Prozesse in nordischen Waldsiedlungen
Präsentation eines internordischen Projekts

In Norwegen, Schweden und Finnland gehört der Wald bis heute zu den wichtigsten Quellen gesellschaftlichen Reichtums; viele ländliche Siedlungen werden nach wie vor wesentlich durch den Wald und die Forstwirtschaft geprägt. Im Gegensatz dazu ist in Dänemark und anderen Ländern des europäischen Kontinents, in denen frühzeitig grobe Teile der Wälder in Ackerland umgewandelt wurden, der Wald ein fester Bestandteil der Geschichte - als Erfahrungs- und Praxisraum, wie als Thema historiographischer Vergewisserung. Zu allen Zeiten bot der Wald den Menschen im Norden vielseitige Rohstoffe an: Beeren und Früchte, Weiden für die Tiere, in Notzeiten Mehl aus Borke und Rinde, Holz, Birkenrinde und Wurzeln als Heizmaterial und Werkstoffe für Geräte und kunsthandwerkliche Produkte. In neuerer Zeit wurden Holz und Holzprodukte durch Holzhandel und Papierindustrie zu einem der gröbten Exportartikel Norwegens, Schwedens und Finnlands. Aber selbst in unberührtem Zustand war der Wald stets ein wichtiger Teil im menschlichen Dasein, bot er einst Schutz vor Verfolgung, Unwetter und wilden Tieren, heute einen fast unbegrenzten Raum für Wanderungen und Erholung. Es ist also nicht verwunderlich, dab die Wälder zu allen Zeiten die Menschen zu Erzählungen inspirierten, symbolische Bedeutungen schufen und zur Identitätsstiftung beitrugen.

Im folgenden wird ein Projekt vorgestelt, das einzelne Aspekte dieser Thematik untersucht. Das beruht auf einer Zusammenarbeit von fünfzehn Wissenschaftlern aus Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden, denen sich später Teilnehmer aus den USA, England und Deutschland anschlossen. Auch fachlich erweiterte sich die ursprünglich auf Historiker und Ethnologen beschränkte Gruppe durch die Teilnahme von Kunsthistorikern und Anthropologen. Obwohl sich Themen und konkrete Forschungsgebiete auf den Norden beschränkten, zeigte sich bald, dab Problematik und Perspektiven international relevanter sind, als zunächst angenommen.

Das dreijährige Projekt von 1995 bis 1998 wurde insgesamt vom Joint Committee of the Nordic Councils for the Humanities finanziert. 1999 wird eine Anthologie auf Dänisch, Norwegisch und Schwedisch (mit englischen Zusammenfassungen) herausgegeben. Und das Projekt hat bereits eine eigene Internet-Präsentation. Mehrere Artikel werden anschliebend in englischer Sprache erscheinen. Das Projekt leitet Ingar Kaldal.

1. Ausgangspunkt und Hintergrund des Projekts

Die nordischen Waldsiedlungen bieten historischen Analysen vielfältigen Stoff, wurden sie, ihre Bewohner und deren Alltagsleben trotz der Lage weitab der Weltgeschichte und zivilisatorischen Entwicklung immer wieder dramatischen Veränderungen unterworfen. So veränderte die einsetzende industrielle Ausbeute von Nutzholz und eine kräftige Steigerung des Exports die Waldsiedlungen nach 1800 nachhaltig. Dies trug dazu bei, dab sich - von regionalen Unterschiede abgesehen - Lohnarbeit und Geldwirtschaft in Waldsiedlungen zeitiger durchsetzten, als in landwirtschaftlich dominierten Gebieten. Hinsichtlich der karelischen Waldsiedlungen entlang der russisch-finnischen Grenze kann man z.B. von einer sozialen Explosion sprechen, die durch die 1922 fertiggestellte Suojärvi-Eisenbahn ausgelöst wurde. Zahlreiche Sägewerke und Zellulosefabriken entstanden in schneller Reihenfolge, Kapital und Konsumgüter strömten in das Gebiet und mit ihnen Arbeitskräfte, die in den neuen Fabriken oder der Forstwirtschaft arbeiteten. Die Umgebung glich einem nordischen "Klondyke" (Hämynens Teilprojekt), und an der Endstation der Eisenbahn, in Suvilahti, stieg die Einwohnerzahl von 300 (1918) auf 5000 (1929). Veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen lösten immer wieder Umstrukturierungen in vielen Waldsiedlungen aus, die selbstverständlich an Tempo und Dramatik variierten. So verfielen während einer Phase mit technischer Rationalisierung in der Waldwirtschaft, nach 1960 viele Siedlungen wieder, und entwickelten sich schnell zu bevölkerungsarmen Randgebieten mit eher düsteren Zukunftsperspektiven. Heute versuchen viele Gemeinden mit Hilfe der neuerdings populären nordischen "Waldeinsamkeit" bzw. dem einhergehenden Aufschwung des Tourismus wirtschaftlich zu überleben.

Nordische Waldsiedlungen waren stets gepraegt von einer spezifischen Kombination von "Peripherie" und "Modernität". Hier, weit entfernt von der vertrauten Modernität der Städte und Fabriken, wo Mystik und Aberglauben länger überlebten als anderswo, setzte sich trotzdem frühzeitig ein im Ansatz "industriell" geprägtes Denken und Handeln durch. Dies meint vor allem den Umgang mit Kapital und Berechenbarkeit, jedoch auch die Auffassung, dab der Mensch sich die Natur untertan machen solle. Ella Johansson beschreibt, wie sich unter den hart arbeitenden, nordschwedischen Waldarbeitern in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine Maskulinität entwickelte, die von einer waldsiedlungs-spezifischen Modernität geprägt war.

Die Mischung aus Altem und Neuem, aus Tradition und Modernität erschliebt sich augenfällig bei einer Fahrt durch die Wälder. In Värmland und Trysil (schwedisch-norwegisches Grenzgebiet entlang dem Flub Klarelven, nordwestlich von Karlstad) sind die Anzeichen und Überreste historischer Veränderungen und verschiedener Epochen in der Landschaft deutlich erkennbar. Abseits des Weges, einsam und fast im Wald versteckt, stehen die Häuser der Forstarbeiter aus der Zeit der groben Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft, die bis Ende der sechziger Jahre andauerte. Daneben rosten forstwirtschaftliche Maschinen und sind teilweise so verrottet, dab einem unmittelbar klar wird, wie lange schon Nutzholz maschinell geerntet und abtransportiert wird. Wer über den Flub schaut, mag sich an das hier bis ca. 1990 praktizierte Flöben erinnern. Heute treiben Touristen in Kanus langsam und friedlich durch die Biegungen des Flusses.

Man kann zusammenfassen: Die Entwicklung vom vormodernen Einsatz menschlicher Arbeitskraft über moderne, industrielle Forstwirtschaft bis hin zum "nach-modernen" Tourismus vollzog sich rasch. Um jedoch das komplexe kulturelle Netz der Waldsiedlungen analysieren zu können, erschien uns ein linearer Modernisierungsbegriff als unzureichend. Deshalb beziehen sich die in diesem Projekt präsentierten historischen Bilder vom Leben in den nordischen Waldsiedlungen auf ihre eigenen Themen und Motive, ihre eigene Dynamik. Statt Vielfaltig- und Unterschiedlichkeit als Beispiel für die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen"; statt Details und Entwicklungen (die zu verschiedenen Epochen "gehören") einem Zeitkontext einzuordnen, geht es darum, zu begreifen, dab die verschiedenen Bilder der Geschichte in verschiedene Richtungen weisen, die sich nicht den vertrauten Mustern von Modernisierung zuordnen lassen. Diese vertrauten Muster lassen keinen Raum für die Elemente von Modernität, die nordische Waldsiedlungen auch in ausgesprochen "traditionellen" Epochen bestimmten. Gemeint ist zum Beispiel die ausgeprägte Flexibilität der Einwohner, welche sich in allen Zeiten und oft mit Hilfe von mehreren Beschäftigungsverhältnissen einen Lebensunterhalt zu sichern wubten. Ein neues, schwedisches, fachübergreifendes Forschungsprojekt über die historische Entwicklung einer Waldsiedlung spricht deshalb von "Flexibilität als Tradition".

2. Gemeinsame Themen und Problematik

Nordische Waldsiedlungen durchliefen in mehreren historischen Phasen grundlegende Veränderungen: demographische, siedlungsstrukturelle, wirtschaftliche, technologische; Veränderungen der Besitzverhältnisse, der Berufskombinationen und Beschäftigungsverhältnisse, insgesamt also mehrere, tiefgreifende Umgestaltungen des Lebensstils. Ziel des Projekts ist, wie in diesen Umstellungsprozessen neue kulturelle Sinngebungen und Bedeutungen durch den Umgang mit den Ressourcen und der Natur entstanden und sich geltend machten: im Verhältnis zu Arbeit, Produktion und Konsumtion; Wohlstand und Mangel; Recht und Eigentum; Lebensunterhalt und Haushalt; geschlechtsspezifisch. Diese Themen werden von den Teilprojekten innerhalb verschiedener lokaler Gebiete und historischer Zeiträume aufgegriffen und mit verschiedener Fragestellung und Perspektive bearbeitet.

Viele der Teilprojekte berühren trotz der Vielfalt an Themen und dem jeweiligen kontextuellen Bezug auch eher gemeinsame Tendenzen nordischer Kultur und Gesellschaft, z.B. das Verständnis von Wald als einem unerschöpflichen Rohstoff. Vieles deutet darauf hin, dab der einerseits karge, andererseits unerschöpflich wirkende Wald andere kulturelle Muster prägte, als in den stärker feudal ausgeprägten Landwirtschaftsgebieten Europas. Im Unterschied zu diesen scheint die Aneignung von Naturalien in den nordischen Waldsiedlungen weniger intensiv auf Land und dessen Besitz fixiert gewesen zu sein. Es existierte eine Vielfalt an Rohstoffen, die, unabhängig von den Besitzverhältnissen, jedermann zur Verfügung stand, weil diese Rohstoffe ihren Wert erst durch die Arbeit erhielten, die zu ihrer Gewinnung notwendig war. So konnte sich z.B. auch der arme Teil der Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad mit Baumaterialien, Brennholz und Nahrung selbst versorgen, weil diese "an sich" nichts wert waren. "Brennholz hatte keinen anderen Wert als die Arbeit, nicht gefälltes Holz im Wald war wertlos", schrieb ein Schriftsteller aus Trysil über diese Zeit um 1900. In diesem Zusammenhang spricht Ella Johansson von Arbeit als einem "fetishized concept". Ein "Arbeitsperson" oder "Arbeitsmann" zu sein, war ein klarer Status, und Arbeitsfähigkeiten wurden immer erwähnt, wenn ein Person beschrieben wurde.

Trotz der oft kümmerlichen Verhältnisse lebten die Einwohner der Waldsiedlungen lange fast unberührt von behördlicher Intervention, Besteuerung und Kontrolle. Dies mag teilweise begründen, dab sich auch relativ egalitäre soziale Verhältnisse entwickelten, in denen die Arbeitsfähigkeit und der Zugang zu Arbeitskraft in vieler Beziehung wichtiger war, als der Besitz von Land oder ein familiärer bzw. vererbter Status. Damit zeichnet sich auf der Ebene des Alltagslebens eine fast "marxistische" Auffassung von der Arbeit als Quelle aller Wertschöpfung ab. Zusätzlich bot der Wald in Zeiten mit starkem Bevölkerungswachstum und Proletarisierung den Menschen Zuflucht, Freiheit und Lebensunterhalt. Ein schwedisches Sprichwort illustriert dieses anscheinend spezifisch nordische Verhältnis zu den Reichtümern der Natur, bzw. Eigentum und Rechten an diesen: "Dies ist mein Wald, doch nicht mein Eigentum". Und: "Der Wald ist das Hemd des Armen." Solche Sprichwörter enthalten Spuren früherer kultureller Muster, die sich mit dem Übergang zur industriellen Nutzung des Waldes veränderten, wie gleichzeitig viele dieser Muster bis heute erhalten blieben.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Dieses Projekt erfabt nicht den strukturellen Zusammenhang zwischen materieller Lebensgrundlage und Mentalität, sondern analysiert, wie die Bedeutungen des Waldes als materielle und symbolische Ressourcen und als ein Teil des Alltagslebens der Waldsiedlungen im Laufe der Zeit und innerhalb verschiedener nordischer Gebiete variierte. Diese Unterschiedlichkeit erfordert verschiedene Fragestellungen und theoretisch-methodische Ansätze. Zwar lassen sich die einzelnen Teilprojekte somit nur schwer miteinander vergleichen, bieten dafür jedoch ein umso vielfältigeres Bild kultureller Prozesse in nordischen Waldsiedlungen.

3. Aneignung und Ressourcen - materiell und symbolisch

Um die Bedeutung des Waldes im Rahmen kultureller Sinngebung zu erfassen, mub der Begriff der Ressource neu bestimmt werden. Eine engere Auslegung des Begriffs versteht unter Ressourcen lediglich die materiellen Rohstoffe für das tägliche Leben. Im Rahmen des Projekts handelt es sich hingegen (i) um materielle Ressourcen im engeren Sinne, (ii) deren Aneignung durch den Menschen und damit (iii) um die kulturellen Bedeutungen, die sich in diesem Aneigungsprozeb konstituieren.

Ein Projekt über kulturelle Entwicklungen in Waldsiedlungen mub fragen, wovon und wofür die Bevölkerung lebte, d.h. welche Rohstoffe ihr zugänglich waren, wie sie sich diese aneignete und dabei definierte, bewertete und benutzte. Alle Ressourcen, materielle wie immaterielle, sind in dem hier verwandten Kulturbegriff gemeint und einbezogen. Erstens liegt das Materielle - reduziert man nicht den Begriff Kultur auf eine rein geistige Tätigkeit - ebenso im Einzugsbereich des Kulturellen wie das Immaterielle. Zweitens schlieben Rohstoffe stets immaterielle Eigenschaften wie Wissen, Fertigkeiten, Moral, Autorität, Verbundenheit, Fürsorge, Liebe usw. mit ein. Selbst "Glück" hat sich in der Analyse nordischer Kulturgeschichte als eine fruchtbare Kategorie erwiesen. Dabei galt Glück als begrenzte Ressource, die unter den Individuen ungleich verteilt war, und von denen der eine mehr gewinnen konnte, nur wenn ein anderer weniger davon bekam. Drittens verbleiben Ressourcen nicht als rein materiell, sobald sie als menschliche Ressource eine Bedeutung erhalten. Ob vom Wald in Zusammenhang mit "harter, ehrlicher Arbeit", mit Wanderungen oder nationaler Identität gesprochen wird oder ob die Beschaffenheit des Geländes, das Nutzholz in Kubikmetern, dessen Bonität und biologische Vielfalt gemeint sind: Nie handelt es sich um "reine Natur", sondern stets um ein kulturell konstituiertes Verständnis von Natur, dessen Bedeutungsinhalt sich stets veränderte.

Ein gemeinsames Interesse vieler Teilstudien dieses Projekts galt dem Aspekt, dab Wald, Waldsiedlungen und Alltagsleben durch den kulturellen Prozeb einen bestimmten Wert und eine bestimmte Bedeutung erhielten und damit diese Sinndeutungen selbst zu Ressourcen wurden. Rechtsverhältnisse, Erzählungen über die Vergangenheit und andere identitätsstiftende Elemente waren selbst Ressourcen, die die Bevölkerung nicht nur benutzte, sondern der sie Inhalt bzw. Bedeutung gab, die sie also selbst schuf und formte. Solche Prozesse werden hier mit dem Sammelbegriff kulturelle Aneignung bezeichnet.

Unter Aneignung wird umgangssprachlich eine wirtschaftliche Tätigkeit verstanden, sich etwas verschaffen, zu seinem Eigentum machen, beherrschen. Gemeint sein kann jedoch auch eine geistige Aneignung, etwas in sein Weltverständnis aufnehmen. Dies meint nicht nur eine blobe Übernahme bzw. Adaption, sondern einen Aneignungsprozeb durch unterschiedliche Formen der Verwendung und dab in diesem Aneignungsprozeb die Bedeutungen durch die Verwendung selbst den Status von Ressourcen erlangen. Während die Gesellschaftswissenschaften in Zusammenhang mit Gewöhnungsprozessen im Arbeitsleben oder Prozessen in einer sozialen Gruppe gerne von Anpassung sprechen, wird im Rahmen dieses Projekts nicht an das Unterordnen in gegebene Verhältnisse gedacht, sondern an aktive Prozesse, in denen neue Bedeutungen verliehen und durch ihre Verwendung zu Ressourcen gemacht werden.

Der sich hier abzeichnende relativ weite Begriff von Aneigung prägt bereits eine Reihe von Analysen zu den Beziehungen Mensch -Natur, weil der Mensch sich die "Natur" aneignet, in dem er ihr einen bestimmten Sinn gibt, der Bilder und Vorstellungen prägt. Alf Lüdtke unterstreicht, dab bereits Marx den Begriff Aneignung in diesem Sinne verwendete. Marx betont in seinen Frühschriften, dab Aneignung nicht nur einseitig "Nutzen" und "Besitzen" meint, sondern eine vielfältige, "sinnliche Aneignung", durch die sich der Mensch zu seiner Umwelt verhält.

Wie bereits gesagt, eignete sich die Bevölkerung der Waldsiedlung Ressourcen im Rahmen kultureller Prozesse an, in denen kulturelle Bedeutungen geschaffen, erworben, übernommen und gedeutet wurden. Selbstverständlich drehte im Ausgangspunkt sich jegliche Aktivität - Ernten, Jagd, Schenkung, Kauf und Erbe - um das Streben nach physischer Kontrolle über die Rohstoffe. Im weiteren Sinne machte man jedoch damit auch etwas zu "seiner Welt", zum Teil des eigenen Wissens, der eigenen Fertigkeiten und Wertorientierung. Physische Inbesitznahme ging immer mit Deutung und Wertschätzung einher.

Diese Mehrdeutigkeit wird klarer, wenn man eine Dimension von Aneignung betont, nämlich das "sich etwas zu nutzen machen" oder "etwas für sich verwerten". Hierbei ging es ebenfalls um die physische Kontrolle, andererseits jedoch darum, wie man dabei etwas hinzufügt oder neu schafft, hier die Deutung und Wertschätzung von "nützlich" oder "verwertbar". Beispielsweise eignet man sich als Wanderer nicht den Wald an, sondern lediglich die Zuneigung zu diesem. Ist dieses Gefühl jedoch besonders ausgeprägt, wird der Aneignungprozeb das individuelle Wertesystem mehrfach prägen. In diesem Sinne kann man von einer mehrfach bedeutungstragenden Ressource sprechen.

Aneignungsprozesse mit mehreren, ineinander verwobenen Bedeutungsebenen prägten auch das Leben der Waldsiedlungen. Zum Beispiel diente das ungesetzliche Fällen von Bäumen oder die Wilderei nicht nur der Versorgung mit Brennholz und Fleisch, sondern markierte auch Freiheit und Selbständigkeit gegenüber den Grundeigentümern und Behörden. Ebenso wurden Waldarbeiter nicht nur finanziell entlohnt, sondern auch in die soziale Gemeinschaft der Holzfäller aufgenommen. Aneignung kann also bedeuten, sich etwas oft in ein und demselben Prozeb durch Lohnarbeit, sowie Freiheits- und Identitätsgefühl zu eigen zu machen.

Das Projekt reduziert sich nicht auf ein Programm der Mentalitätsgeschichte und will auch nicht einseitig Subjektives und Immaterielles begünstigen (Als eine solche Schwerpunktverlagerung wäre ist es auch kaum fruchtbar die Wendung von der Sozialgeschichte hin zu einer "neuen" Kulturgeschichte, zu interpretieren). Stattdessen dreht es sich darum, wie materielle und immaterielle Verhältnisse als Träger von kulturellen Bedeutungen analysiert werden können. Ziel ist also nicht nur eine Rekonstruktion dessen, was die Einwohner der Waldsiedlungen bei ihrer alltäglichen Arbeit dachten und fühlten oder Recht/Unrecht definierten, sondern was es bedeutet, dab sie es taten und wie sie es taten. Damit werden Bedeutungen und Sinngebungen hinterfragt und nicht nur nach dem, was Menschen früher "gedacht und gefühlt" haben mögen.

Der hier angedeutete Prozeb kultureller Aneignung ist offen für Veränderungen und gibt damit Spielraum für historisch angelegte Analysen. Kulturelle Bedeutungen bieten kein fertig ausgeformtes Potential, das bei der Nutzung einer Ressource automatisch wirksam wird und lediglich abgelesen werden mub. Stattdessen entstehen durch die Verwendung ständig neue Bedeutungen. Ob der Wald als industrielles Rohstoffreservoir betrachtet wird oder als Sinnbild menschlicher Freiheit, stets handelt es sich um Aneignungsprozesse, in denen Bedeutungen und Inhalte neu geschaffen oder bestehende verändert werden.

Mündliche Erzählungen sind ebenfalls Teil eines Sinngebungsprozesses. Ressourcen erhalten oft ihre Bedeutungen durch die Erzählungen und Redensarten, welche sie zum Thema haben und sind deshalb als integrierte Teile des Aneignungsprozesses zu betrachten. Wenn ein Arbeitstag im Wald abgeschlossen wird, ist er bereits in einen narrativen Bedeutungszusammenhang eingeordnet. Dies bedeutet weiter, dab Geschichten und Erzählungen über verschiedene Ressourcen und deren Verwendung wiederum in sich selbst eine Bedeutung als Ressource erhalten können. Wer sich die Erzählungen eines bestimmten sozialen Milieus über den Wald aneignet, eignet sich auf diese Art und Weise den Wald an, weil er dessen Bedeutungen und Inhalte zu einem Teil seines Daseins macht; zu einem Teil seiner - in wortwörtlichem Sinne - Lebensgeschichte (vgl. Kaldals Teilprojekt).

Da die Erzählungen der Waldsiedlungen durch neue Kontexte ständig variieren, verändern sich oder verschwinden auch deren überlieferte Bedeutungen. Dies kann ebenso auf die Landschaft bezogen werden.

4.1. Landschaften und Leben der Waldsiedlungen in Kunst, Geschichte und Alltagsleben

"Landschaft ist die Umgebung, die sich in einem bestimmten Abstand zum Menschen befindet und nur durch den Blick wahrgenommen werden kann (..). Landschaft ist auf diese Weise die visuelle Gestalt der Umgebung." Gleichzeitig ist eine Landschaft etwas, was der Mensch physisch und geistig nutzt, formt und seine Spuren hinterläbt, schreibt Martti Linkola. Folglich formt sich der Mensch auch durch seine Landschaft. Es ist "die kulturbedingte Aneignung, die den physischen Raum in eine Landschaft verwandelt."

Welche praktischen, ökologischen und ästhetischen Bedeutungen ein und derselben Landschaft zukommen, kann stark variieren. "Verschiedene Erinnerungen, Gerüche, Mythen, Namen und Auffassungen darüber, was häblich und was schön ist, definieren dieselbe Landschaft verschieden." Waldsiedlungen wie Wälder selbst bieten dafür ein gutes Beispiel. Im Laufe von wenigen Jahrzehnten veränderte sich z.B. das Verständnis von Wald als einer monokulturellen Nutzplantage hin zu einem neuen Verständnis von Wald als einem "natürlichen", biologisch vielfältigen und damit auch ästhetisch ansprechenden Gebilde. In vielen Waldsiedlungen waren die groben landschaftlichen Veränderungen von der Brandrodung über den totalen Kahlschlag im Industrialismus bis hin zum raschen Verwildern von Kulturland direkt zu beobachten. Letzteres wirkt sich beispielsweise dahingehend aus, dab der wegen mangelnder Bearbeitung oder Beweidung wieder zunehmende Wald den Lichteinfall verändert. Die als physische Veränderung wahrgenommene Entwicklung kann auch als kultureller Prozeb betrachtet werden, wenn nämlich gefragt wird, inwiefern Öffnungen und Ansichten der Landschaft, Vertrautheit und Schutz, Ordnung und Chaos unterschiedliche Bedeutungen wie schön/häblich oder verwertbar/nicht verwertbar zugeordnet werden.

Martti Linkola (Ethnologe, Helsinki) beschreibt, wie finnische Bauern traditionell mit Hilfe von Brandrodung den Wald für den Anbau von Korn und Rüben urbar machten bzw. wie die Brandrodung kulturelle Bedeutungen, soziale Strukturen und geomorphologische Verhältnissen beeinflubte. Die Brandrodung variierte in den einzelnen historischen Epochen: frühe Brandrodung mit grobflächigem Anbau von Roggen; mehr proletarisierte Formen des Anbaus durch Arme und Besitzlose; und Brandrodung in Verbindung mit gewöhnlicher Landwirtschaft. Auch in neuerer Zeit spielte die Brandrodung eine Rolle bei der Umwidmung von Wald- zu Weideland. Seit die Brandrodung aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr betrieben wird, ist sie ein beliebtes Thema für die Geschichtsvermittlung und Mythologisierung, für Öko-Waldlehrpfade, Landschaftsmuseen und historisierende Dorffeste. Auf diese Weise wird eine im Norden einst weit verbreitete "Tradition" überliefert, die in Finnland als Wirtschaftszweig bis in die fünfziger Jahre hinein betrieben wurde.

Mit der unterschiedlichen Nutzung des Waldes verknüpften sich gleichermaben unterschiedliche Begriffe für "Wald". Beerenwald, Elchswald, Brennholzwald, Nutzholzwald und Elfenwald konnte ein und denselben Wald mit jeweils vollständig anderen Bedeutungen versehen. Die verschiedenen Bedeutungen dieses Waldes bewirkte, dab der Nutznieber den Wald unterschiedlich "betrachtete". Ferner verbanden sich mit den unterschiedlichen Bedeutungen von "Wald" unterschiedliche Erzählungen und Geschichten.

Die Industrialisierung rückte den Nutzholzwald in das Zentrum der historischen Entwicklung von Waldsiedlungen. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen stellen viele historische Arbeiten zu diesem Thema die Nutzung des Waldes in den Mittelpunkt. Parallel zum "Agrarzentrismus" vieler Abhandlungen zur Bauerngesellschaft findet sich hier Tendenzen zu einem gewissen "Nutzwaldzentrismus". Dabei wird oft übersehen, dab der Nutzwald des Industriezeitalters eine verhältnismäbig kurze Epoche in der kulturellen, ökologischen und wissenshistorischen Entwicklung von Waldsiedlungen darstellt.

Sakari Virtanen (Sozialwissenschaftler, Kajaani/Finnland) zeigt in seinem Projekt, dab die Industrialisierung nicht nur die herkömmliche Nutzung des Waldes verdrängte, sondern wie sie die Bedeutung des Waldes als Ressource und hinsichtlich der Landschaft veränderte. In Europa besitzt Finnland den absolut gröbten Waldbestand und ist von seinen Wäldern wirtschaftlich, ökologisch und kulturell stärker abhängig als jedes andere Land. Deshalb haben Waldnutzung und Forstwirtschaft der letzten hundert Jahren eine überragende Bedeutung für das Verhältnis der Finnen zum Wald. In mehreren Fallstudien beschäftigt sich Virtanen mit den veränderten Auffassungen vom Wald bei den Einwohnern der nordöstlichen Provinz Kainuu. Diese Änderungen reichen von der instrumentalen Betrachtung der Natur in der ersten Phase der Zelluloseindustrie bis zum heutigen, mehr ökologisch betonten Denken.

In mehreren Ländern war der Wald ein zentrales Thema für nationale Mythologisierungen und schuf Motive, die viele als typisch nordisch bezeichnen würden. Jedoch benutzte man auch in Deutschland die scheinbar gleichen Bilder, um etwas "Urgermanisches" auszudrücken. Denn, wie der deutsche Ethnologe Siegfried Becker (Marburg) formuliert, "wie kaum anderswo ist die Suche nach kultureller Identität in Deutschland mit dem Wald verknüpft." Von Romantik und deutscher Staatsgründung über den Nationalsozialismus bis hin zum "Waldsterben" und "Den Grünen" prägte das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wald nachdrücklich ihr Selbstverständnis.

Während die Auffassung vom nordischen Wald als einem scheinbar unendlichen Reservoir von Rohstoffen bis in unsere Zeit dafür sorgte, dab viele seiner Ressourcen allen frei zugänglich blieben (norweg. "allemannsretten", Allgemeinbesitz), kann sich in Deutschland seit Jahrhunderten niemand entsprechend seiner Bedürfnisse aus dem "freien" Wald versorgen. Dies verlorengegangene Recht mag die dominierende Stellung des Waldes in den Erzählungen, Märchen und der Literatur als nostalgische Sehnsucht zumindestens teilweise erklären. Gerade das Verschwinden des Waldes durch Bevölkerungszunahme und intensive Landwirtschaft, scheint dessen symbolische Bedeutung für ein dahingegangenes, "goldenes" Zeitalter zu stärken. Oder wie Ibsen es ausdrückt: Nur Verlorenes besitzt man ewig. "Verloren" war jedoch nicht nur die Freiheit der Armen, sich ohne feudale Kontrolle aus den "Schätzen des Waldes" bedienen zu können; "verloren" war auch jene angeblich germanische Gröbe, die aus den Wäldern ihre Energie bezog, um sich einem Römischen Reich zu widersetzen, dessen Monumentalität sich in Stein manifestierte.

Viele wichtige Veränderungen betrafen den deutschen Wald früher als den nordischen. Diejenigen, welche sich heute um eine durch die Industrialisierung zerstörte, "vormoderne", ökologische Balance bemühen, sollten sich daran erinnern, dab Deutschland eine moderne Forstwissenschaft entwickelte. In Deutschland stand der Wald im 19.Jahrhundert als Zeichen für den Zukunftsoptimismus der Industrialisierung, wie er später vice versa umso stärker einer "grünen" Modernitätsironie Ausdruck verlieh.

Auch in Skandinavien - und nicht nur zu Zeiten der Nationalromantik - benutzte man Motive aus dem Umfeld Wald, um die nationale Zugehörigkeit auszudrücken. So waren z.B. in Norwegen seit 1949 100-Kronen-Scheine im Umlauf, die Flöber bei ihrer Arbeit zeigten. Auf dem Höhepunkt norwegischer Industrialisierung verwiesen solche Bilder symbolisch auf den Wert von Holz, Wald und harter, körperlicher Arbeit für die nationale Volkswirtschaft.

Schulbücher vermittelten ähnliche Inhalte mit grobem Erfolg und werden deshalb als hervorragende Quelle für die Erforschung nationaler Identitätsformung angesehen. Michelle Facos (Kunsthistorikerin, Bloomington/USA) untersuchte Schulbücher norwegischer und schwedischer Volksschulen zwischen 1850 und 1950 daraufhin, welche Vorstellungen und Bilder vom Wald und Waldsiedlungen vermittelt wurden. Erst ab 1900 taucht in Prosatexten, Gedichten, Bildern und Motiven das Thema Wald auf. Die vermittelten Inhalte sind überraschend konstant und veränderten sich kaum bis in die fünfziger Jahre. Ein interessanter Unterschied zwischen schwedischen und norwegischen Lehrwerken besteht allerdings dahingehend, dab norwegische Schulbücher die Flöberei und wildlebende Bären idealisierten und nationalromantisch inspirierte Illustrationen überwogen. Insgesamt scheint das Thema Wald dermaben nachhaltig vermittelt worden zu sein, dab die dabei verwendeten Bilder und Metaphern sich fest im Bewubtsein der Bevölkerung verankerten.

Auf ähnliche Weise wurden in den letzten Jahren in Museen, Ausstellungen und durch touristische Angebote bestimmte Vorstellungen vom Leben in den Waldsiedlungen vermittelt, z.B. durch das Demonstrieren von Arbeitsabläufen. An vielen Orten wurden mit erheblichem finanziellen Aufwand Flöberhütten und -anlagen instandgesetzt, damit Touristen und Einheimische sich "erinnern" können, wie es denn "eigentlich gewesen" war. Durch die Analyse von Videofilmen zur Geschichte des Flöbens, zeigt Øivind Vestheim (Historiker, Elverum/Norwegen), dab es sich hierbei nicht nur um Traditionsvermittlung handelt, sondern auch um eine effektvolle "invention of tradition".

Ähnlich wie ein Flub oder eine Flobstrecke zu einem Thema für Erzählungen und Mythen über das vergangene Arbeitsleben werden kann, prägt häufig die Arbeit die kulturelle Bedeutung einer Landschaft. Auf Grund seiner Feldstudien im finnischen Lappland meint Tim Ingold (Anthropologe, Manchester), dab die finnische und samische Bevölkerung ein jeweils unterschiedliches Verhältnis zur Natur und zu sich selbst als Volk ausbildeten. Für die Samen war der Alltag durch die Renstierdrift so verwoben mit der Landschaft, dab diese zum Träger ihrer Geschichte wurde. Die Vergangenheit der Samen "lag" sozusagen in der Landschaft; während sie diese Landschaft ständig durchstreiften, eigneten sie sich dabei ihre Geschichte an. Hingegen bedeutete für die finnischen Bauern die Landschaft deren Urbarmachung, also Veränderung. Für sie zählte nicht die Landschaft wie sie war, sondern wie man sie nutzen konnte, was man in Form von Nutzholz oder durch Anbau aus ihr gewinnen konnte, kurzum: Wie man die Landschaft und damit deren Vergangenheit überwand.

4.2. Eigentum und Recht, Eigentümer und Herrscher der Wälder

Das Bild vom nordischen Wald als einer frei zugänglichen und "unerschöpflichen" Quelle stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt, denn auch im Norden war die Nutzung des Waldes seit dem Mittelalter Gegenstand von Regulierungen und damit von Konflikten. Diesem Aspekt widmen sich mehrere Teilprojekte.

Ein alter Konflikt in vielen nördlichen Regionen beruht auf der Konkurrenz zwischen Rentierhaltung und Forst- bzw. Landwirtschaft. Der sonst im Norden übliche ethnische Sprengstoff des Konflikts wegen des samischen Monopols auf die Rentierhaltung, entfiel in Finnland; Rentiere werden gleichermaben von Finnen und Samen gehalten. Helena Ruotsala (Ethnologin, Turku/Finnland) untersuchte die in unserem Jahrhundert entstandenen Konflikte bei der Nutzung des Waldes im Kyrö-Rentierbezirk (westlicher Teil im finnischen Lappland). Während das erste finnische Gesetz über Rentierhaltung die Waldeigentümer und Ackerbauern vor einer Überweidung durch die Rentiere schützen sollte, wurden später die Rentierhalter gegenüber den Ackerbauern vor dem Verlust von Weideflächen geschützt. Auch sahen die Rentierhalter ihre Tätigkeit zunehmend durch forstwirtschaftliche Waldnutzung mit schweren Maschinen und Verunreinigungen bedroht. Viele Rentierhalter entwickelten jedoch eine ambivalente Haltung, denn der Verkauf von Nutzholz entwickelte sich besonders in Krisenzeiten der Rentierhaltung zu einer wichtigen zusätzlichen Einnahmequelle. Gleichzeitig sorgte die Modernisierung für eine schärfere Abgrenzung beider Wirtschaftszweige. Der Kontakt zu Natur und Wald wurde lockerer, und die verschiedenen Gruppen lebten mehr als früher in getrennten "Welten".

Sich verändernde und gegensätzliche Interessen in den Beziehungen zum Wald sind auch die Kernpunkte von Kerstin Sundbergs (Historikerin, Lund) Projekt. Ihr Thema ist die Waldnutzung durch Bauern und Dörfler auf dem Adelsgut Trolle-Ljungby im nordöstlichen Skåne (Südschweden) in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zu jener Zeit herrschte ständig Streit über das Nutzungsrecht, weil unter anderem der Allgemeinbesitz abgeschafft und das freie Weideland aufgeteilt und privatisiert wurde. Argumente dafür waren eine rationellere Waldnutzung und das Vorbeugen von Waldzerstörung. Ständig wurden neue Regelungen geschaffen und Verordnungen erlassen, die den Interessen von Adel, Krone und selbständigen Bauern dienten und bittere Konflikte auslösten. Durchgängiges Thema war die Frage, inwieweit das uralte, mündlich überlieferte Nutzungsrecht noch Geltung besab. Ständig mubte dessen Legitimität begründet bzw. verteidigt werden, war doch eine "volkstümliche Kultur" mit Brandrodung, freien Weiden und anderen Nutzungsrechten bedroht. Der Konflikt verschärfte sich noch durch eine zunehmende Proletarisierung, die unter anderem zu ungesetzlichen Rodungen für Wohnhäuser führte. Im Kern drehte es sich jedoch um unterschiedliche Auffassungen über eine vernünftige Nutzung des Waldes, welche als "Interessen" aufeinanderprallten.

Für die Ausübung ihrer Herrschaft waren Behörden wie Grobgrundbesitzer auf örtliche Helfer angewiesen. Damit wuchs eine Schicht von Forstmeistern und anderen Beamten heran, welche ihre Herren und deren Interessen in den Walddörfern repräsentierte. Anne Ruuttula-Vasari (Historikerin, Oulu/Finnland) zeigt in ihrer Studie diese Entwicklung der letzten einhundertfünfzig Jahre in Nordfinnland. Den "Waldherren" begegneten die Bauern und Dörfler mit Mibtrauen und Hab, handelte es sich doch um einen Machtkampf um die Aneignung der Ressourcen. Alte Bearbeitungsmethoden, z.B. das Teerkochen, wurden von den staatlichen Behörden als Verschwendung betrachtet und untersagt. Jedoch war das Verhältnis zwischen Volk und Elite ambivalent. Denn wie sollten die Bauern ihre Steuern bezahlen, wenn sie sich nicht Holz und Rohstoff für die Herstellung von Teer verschaffen konnten, den sie dann verkauften? Gleichzeitig zeigen die Konflikte ein Bild, das das "Volk" sich von "den Herren" und von sich selbst als den besten Kennern des Waldes zurechtlegte. Waldwächter und Förster galten als unverständige Funktionäre, die weder etwas vom Wald noch von seinen Bewohnern verstanden. Populäre Moral betrachtete einen Walddiebstahl nicht als eine kriminelle Handlung.

Die Wälder gehörten dem Staat, Gemeinden, privaten Gesellschaften (schwed. "bolag", Anteilsgesellschaft), groben und kleinen Bauern. Die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse erzeugten auch unterschiedliche Formen von Macht und Herrschaftsausübung. Paul Tage Halberg (Historiker, Trondheim) verglich Siedlungen mit unterschiedlichen Besitzverhältnissen, d.h. Siedlungen, in denen der private Wald entweder Grobbauern oder Anteilsgesellschaften gehörte. Die unterschiedlichen Besitzverhältnisse prägten das Verhältnis der Bevölkerung zum Wald wie zu denen, die ihn verwalteten bzw. besaben. Während Grobbauern mit viel Waldbesitz vielerorts zum "Dorfchef" avancierten, trifft dies keineswegs für die Waldwächter oder Förster im Dienst einer Anteilsgesellschaft zu. Generell kann in Zusammenhang mit den Anteilsgesellschaften von einer gröberen sozialen Egalität gesprochen werden, während sich mit den Grobbauern oft eine Hierarchie von Waldeigentümern etablierte, in der die Position des einzelnen durch die Gröbe seines Waldes bestimmt wurde. Ebenso prägten die unterschiedlichen Besitzverhältnisse die Beziehungen der Waldarbeiter zu ihren Vorgesetzten und zu den Ressourcen des Waldes. In Wäldern der Anteilsgesellschaften verwischten sich die Grenzen zwischen "mein" und "dein" eher als in den den Wäldern der Grobbauern, in denen die Häusler und andere Besitzlose "wertlos" waren, weil sie keinen Wald besaben. Dies betraf normalerweise auch die angestellten Waldwächter.

Schwedische und dänische Eigentumsverhältnisse zwischen 1730 und 1830 werden von Bo Fritzbøger (Historiker, Kopenhagen) in nationaler Makroperspektive verglichen. Ungleiche naturgeographische Verhältnisse, geprägt durch den nordschwedischen Überflub an Wald einerseits und dänische wie südschwedische Knappheit andererseits, beeinflubte den unterschiedlichen Umgang mit Besitz, die Auseinandersetzungen und die Gesetzgebung. Während die dänischen Waldgebiete zeitig einer Flurbereinigung unterworfen wurden, befanden sich schwedische Wälder in gröberem Umfang und länger in Allgemeinbesitz bzw. boten gleiche Nutzungsrechte für alle. Insgesamt wurde in beiden Ländern das Recht der Bauern auf Nutzholz und andere Ressourcen immer stärker reguliert, was mit den ähnlichen kulturellen Bräuchen kollidierte, die es nicht nur als legitim, sondern als moralisch korrekt ansahen, Holz aus dem Wald zu holen. Dies galt besonders, wenn es für den eigenen Gebrauch, etwa den Hausbau, bestimmt war. Das ca.1900 eingesammelte volkskundliche Material zeigt indessen einen deutlichen Unterschied zwischen den dänischen und schwedischen Auffassungen betreffs der Ungesetzlichkeiten in "alter Zeit". Dänisches Material weist im Gegensatz zum schwedischen öfters eine Heroisierung des Walddiebs auf. Diese Idealisierung erklärt sich aus dem Bedürfnis des neu entstandenen, selbständigen dänischen Bauernstandes, einen geschichtlichen Traditionshintergrund zu begründen. Die Erzählungen über den antifeudalen Widerstand vergangener Generationen und die Kämpfe für eine uneingeschränkte Waldnutzung eigneten sich für diese Aufgabe bestens.

4.3. Arbeit, Gender und Identitäten

Mehrere der Teilprojekte widmen sich von verschiedenen Standpunkten aus dem Thema Arbeit. Die Flöberei ist z.B. einerseits das Thema für eine Untersuchung von popularisierter Geschichte (Vestheim), andererseits Gegenstand für eine Untersuchung des Arbeitsmilieus (Snellman). Kaum ein Thema, nicht einmal das winterliche Leben in den Hütten der Holzfäller, wurde durch Bücher, Filme und Lieder mehr verklärt als das "Frühlingsabenteuer", wie das Flöben poetisch genannt wurde.

In den groben, viel befahrenen Flüssen war die Flöberei nicht nur ein wichtiges Arbeitsplatzangebot, sondern prägte auch das kulturelle Milieu. Darauf weist Hanna Snellman (Ethnologin, Helsinki) in ihrer Studie hin, die die Bedeutung des Flöbens in dem Gebiet des Flusses Kemi im finnischen Lappland zwischen 1890 und 1991 untersucht. Die Mehrzahl der Flöber bestand aus Wanderarbeitern. Viele von ihnen träumten von einem eigenen Haus und einem Stück Land, und viele verwirklichten diesen Traum. Wenn die alten Waldarbeiter jedoch ihre Lebensgeschichte erzählen, spielt die Beschreibung des häuslichen Lebens kaum eine Rolle. Ihr Selbstbildnis bezieht sich auf eine Arbeitskultur, die von Freiheit, Individualismus und Maskulinität geprägt war und von vielen als eine Bedrohung von Moral und Sittlichkeit angesehen wurde. Ab den fünfziger Jahren setzte eine kulturelle Umdefinierung ein, die das Flöben zum Thema von Kunstwerken und Denkmälern machte und Flöber zu "Helden der Arbeit" erhob. Wiederum später wurde das Flöben zu einem beliebten Thema für einen ständig anwachsenden Lappland-Tourismus. Auf diese Weise wurden die noch ca. 1900 heimatlosen und wandernden Flöber hundert Jahre später von neuen Generationen Lapplands für die Suche nach ihren kulturellen "Wurzeln" funktionalisiert.

Wie eingangs betont, war die Arbeit in den Waldsiedlungen in mehrfacher Hinsicht wichtiger als das Eigentum. Allerdings eignete man sich Ressourcen auch auf andere Art und Weise als mit Arbeit oder durch Erwerb von Eigentum an, z.B. durch die Jagd. Ella Johansson (Ethnologin, Umeå/Schweden) verbindet das Jagen und Abtransportieren eines Tieres mit Tim Ingolds Begriff "taskscape": Die Landschaft stellte die Menschen vor Aufgaben. In den schwedischen Waldsiedlungen wird zwischen zwei klar getrennten Typen Landschaft unterschieden, Wald und Ackerland. In Bezug auf das Ackerland erscheinen die heute üblichen Begriffe für Erzeugung und Produktion als nicht ausreichend. Johansson interpretiert die landwirtschaftliche Arbeit eher als Teil eines Prozesses des Aufräumens und Ordnens bzw. der Aufrechterhaltung von Ordnung (schwed. "stökande"). Das sich hier zeigende Verständnis von Landwirtschaft ähnelt eher einem Verständnis von Arbeit, die sich auf das Ordnen und die Erhaltung des Haushalts konzentriert, weniger zielgerichtet auf die Produktion. Der schwedische Begriff "hävda" konnotiert denn auch sowohl "haben", "besitzen" wie "für etwas argumentieren", "sein Recht geltend machen". In Bezug auf den Wald hatte das "sein Recht geltend machen" und die Aufrechterhalten von Ordnung keine Relevanz. Selbst als der Wald privatisiert war, erhielt sich eine Praxis, die keiner geordneten Welt entsprach und in deren Rahmen man sich die Rohstoffe relativ frei aneignen konnte. Es stand jedermann frei, sich viele der Ressourcen im Wald anzueignen, und dieses Recht wurde meist von den Besitzlosen wahrgenommen. Zum Beispiel wurde die Jagd, die die Besitzlosen spontan und unorganisiert zur Befriedigung augenblicklicher Bedürfnisse betrieben, von den Bauern als eine unwürdige Beschäftigung angesehen und war unvereinbar mit ihrem eigenen Bemühen um den Erhalt der Kulturlandschaft.

Ähnlich geht es auch in Ingar Kaldals (Historiker, Trondheim) Projekt darum, dab Männer und Frauen in den Waldsiedlungen nicht nur verschiedene Einstellungen zum Wald und dessen Ressourcen zeigen, sondern auch zu ihrem eigenen Arbeitsleben. Mündliche Überlieferungen und andere Quellen aus Trysil und Värmland berichten von den dramatischen Veränderungen des Arbeitslebens ab den dreibiger Jahren. Ziel des Teilprojekts ist nicht die Beschreibung dieser Änderungen, sondern eine Interpretation der Geschichten, die davon berichten. Männer konstruierten die Berichte über ihr Arbeitsleben oft auf eine Weise, dab der Eindruck eines linearen, zielgerichteten und fast vorherbestimmten Lebens entstand; gehörte man erst einmal zu "den Männern aus dem Wald", blieb man auf immer dabei. Wie sie sich den Wald aneigneten, wie sie davon erzählten - das ist der Kern einer eigenen, männlichen Arbeitswelt, und diese verknüpfte ihr Leben fest mit der Waldsiedlung. Hingegen zeichnet sich in den Erinnerungen der Frauen ein Bild ab, das mehr durch Offenheit, Differenz und zufällige Verläufe geprägt ist. Immerhin mubten Frauen mit Ausnahme der Waldarbeit jegliche anfallende Arbeit erledigen, was sich als eine eher lockere Zugehörigkeit zur Waldsiedlung in ihren Lebensgeschichten widerspiegelt. Ihr Leben scheint eher durch das gekennzeichnet, was man als eine überlokale, flexible Weiblichkeit bezeichnen kann.

Auch Kjell Hansens (Ethnologe, Lund) Analysen zu den Auswirkungen staatlicher Sozialpolitik der Nachkriegszeit in den Waldsiedlungen Jämtlands untersuchen die wechselseitige Beziehung zwischen Individuum und lokaler Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang wurde die Aneigung der Bedeutung von Wald als Teil einer lokalen Identität zur Grundlage von Widerstand gegen die Mabnahmen der Behörden, die das Alltagsleben staatlichen Einheitskriterien zu unterwerfen drohten. Der Stolz der lokalen Bevölkerung über die Fähigkeit, in den Waldsiedlungen wirtschaftlich zu überleben, ging in das Bild lokalen Wissens und lokaler Erfahrungen ein; ein Wissen, das auberhalb der Waldsiedlungen als wertlos galt. Männer und Frauen beteiligten sich - wenn auch auf verschiedener Grundlage - an dem latenten Widerstand. Während die Männer die lokale Identität mit ihrer Bindung an die Wälder zu begründen pflegten, konnte dem Verhalten der Frauen, die im Kielwasser der "grünen Welle" (schwed. "gröna vågen") in die Siedlungen zurückgekehrt waren, ein politischer Beschlub zugrundeliegen. In Bezug auf die staatliche Sozialpolitik war das Resultat allerdings das gleiche: Die Bewohner nutzten das sozialpolitische Angebot, allerdings zu Bedingungen, die sich aus den lokalen Verhältnissen ergaben.

Die schnellen Veränderungen vieler Waldsiedlungen mündeten in verschiedene, oft jedoch parallele Entwicklungen: (i) die etablierten Einwohner mubten neue Fähigkeiten für die Aneignung der Ressource Wald entwickeln; (ii) neue Einwohner siedelten sich an oder (iii) die Siedlungen entvölkerten sich. Was lediglich eine quantitative Veränderung von Besiedlung und Bevölkerung anzuzeigen scheint, weist jedoch auf umfangreiche und grundlegende kulturelle Veränderungen hin.

Letzteres zeigt Tapio Hämynens (Historiker, Joensuu/Finnland) Studie über die Auswirkungen des Ausbaus der Suojärvi-Eisenbahn und der neuen Forstindustrie in den zwanziger und dreibiger Jahren bzw. wie sich dies auf das Leben in den karelischen Waldsiedlungen nördlich von Lagoda auswirkte. Das Gebiet, sechs finnische Gemeinden, war vor Eisenbahnbau und Industrialisierung durch eine orthodox-karelische Kultur geprägt, die sich sprachlich und religiös vom restlichen Finnland deutlich unterschied. Zusätzlich trennten weite Strecken von unberührtem Wald die verschiedenen Landesteile. Die Menschen versorgten sich bis zur Unabhängigkeit von Finnland und der Grenzschliebung 1918 meist aus Rubland. Als das Gebiet "kolonisiert" wurde und infolge des sogenannten "Suojärvi-Fiebers" viele Menschen in die Wälder und Forstindustrie zogen, waren schnelle kulturelle Veränderungen die Folge. Die Neuankömmlinge waren meist finnische Lutheraner und die nach und nach üblichen Mischehen lösten auch alte, durch die Grobfamilie geprägte Familienstrukturen auf und veränderten die karelischen Alltagsbräuche. Selbst in der Waldarbeit setzten sich protestantische Werte durch und verdrängten die karelischen Werkzeuge.

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In einem scheinbar abgelegenen Winkel Europas wurde der Wald zum Ausgangspunkt kultureller Umwälzungen und Erschütterungen. Selbst wenn die Dimensionen variieren, stehen doch stets kulturelle Prozesse abgelegener Waldsiedlungen im Mittelpunkt dieses Projekts. Die dabei behandelten Themen analysieren lediglich ausgewählte Aspekte des Lebens in den nordischen Waldsiedlungen, deren Vielfalt uns so unendlich erscheint, wie die Wälder einst ihren Bewohnern.


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